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Er stellte fest, dass Krankheiten immer mit einer
Bewegungseinschränkung von bestimmten Wirbelsäulenabschnitten
einhergehen. Aufgrund
der Blockierung von Wirbeln wird die Blut- und
Nervenversorgung von Organen gehemmt.
Durch die Wiederherstellung der Mobilität
konnte somit die Krankheit geheilt werden, da
das jeweilige Gebiet wieder optimal versorgt
wurde.
Als Still diese Erkenntnis aufstellte, war er 46
Jahre alt. Es war die Geburtsstunde der Osteopathie
und zwar exakt am 22. Juni 1874,
vormittags um 10 Uhr. Nach vielen Heilungserfolgen
gründete Still im Jahr 1892 die erste
Osteopathieschule in Kirksville. Ab 1892 wurde
die Osteopathie vom Staate Vermont anerkannt,
während weitere Staaten nach und nach
folgten. In Europa dauerte es viel länger, bis die
Heilmethode Anerkennung fand: 1993 erkennt
Großbritannien, gefolgt von Australien und
Neuseeland die Osteopathie an.
Erst am 24. Juni 2000 folgt Belgien und am
5. März 2002 Frankreich. Auch in Finnland, Malta
und Island ist der Beruf des Osteopathen gesetzlich
geregelt. Bis dato ist das Berufsfeld der
Osteopathie in Deutschland offi ziell noch nicht
anerkannt. Die Osteopathen in Deutschland arbeiten
offi ziell im Rahmen des Heilpraktiker-Gesetzes.
In der Schweiz hingegen ist die Osteopathie
in sechs Kantonen gesetzlich geregelt.
Die Pferde-Osteopathie steckt demnach immer
noch in den Kinderschuhen. In den 70er Jahren
hat sich der französische Tierarzt Dr. Dominique
Giniaux als Pferde-Osteopath einen Namen gemacht.
Er gilt als der Begründer der Pferde-Osteopathie.
Ebenso war Pascal Evrard einer der
ersten, der die Osteopathie aufs Pferd übertragen
hat. Evrard machte die Pferde-Osteopathie
unter anderem in Deutschland bekannt.
Leben ist Bewegung
Zwar entwickelte Andrew Taylor Still den Begriff
der Osteopathie, doch osteopathische Behandlungmethoden
waren teils schon in der Antike
bekannt. Nach dem Motto „Leben ist Bewegung
und Bewegung ist Leben“ ist klar, dass
Bewegungseinschränkungen die natürlichen
Funktionen des Organismus einschränken. Eine
Bewegungseinschränkung kann in den verschiedensten
Strukturen auftreten. Es können
Bänder, Sehnen, Muskeln, Faszien oder Gelenke
betroffen sein. Der Osteopath betrachtet
demnach nicht nur die Knochen des Patienten
allein. Hier grenzt sich der Osteopath auch von
der Chiropraktik ab.
Die Osteopathie ist ebenso von der Physiotherapie
abzugrenzen. In der Physiotherapie
kommen unter anderem Hilfsmittel wie Wärme,
Wasser, Elektrizität etc. zum Einsatz. Sie
kennt aber auch viele manuelle Techniken und
Mobilisierungsmaßnahmen. Der Physiotherapeut
kümmert sich sowohl um die Gelenke und
Knochen als auch um die Faszien und Muskeln.
Die Osteopathie ist eine rein manuelle Behandlungsmethode,
die sich aber nicht nur mit den
Knochen, sondern mit dem gesamten Organismus,
einschließlich der Organe befasst. Sie ist
eine eigenständige und ganzheitliche Medizinform.
Die Osteopathie stellt das Gleichgewicht
eines Lebewesens auf allen funktionellen Ebenen
wieder her. Der Osteopath überprüft also,
ob sich alle Strukturen physiologisch bewegen
lassen. Wenn Blockierungen festgestellt werden,
wendet der Osteopath bestimmte Techniken an,
um die Strukturen wieder zu mobilisieren. Hierzu
muss der Osteopath natürlich erst die Kenntnis
darüber erlangen, wie sich eine Struktur eigentlich
bewegen kann. Es gibt verschiedenste
Arten von Gelenken, die je nach Ausformung
und Art eine bestimmte Bewegung der Knochen
zulassen. Während ein Kugelgelenk zwei Knochen
gegeneinander in alle Richtungen bewegen
lässt, können zwei Knochen, die über ein
Scharniergelenk miteinander verbunden sind,
nur in Flexion und Extension bewegt werden.
Mit den Händen sehen
Dem Osteopathen muss aber nicht nur klar sein,
in welche Richtung sich welche Struktur bewegen
kann, sondern auch wie weit die physiologische
Bewegung geht. Nur dann ist er in der
Lage, eine krankhafte Veränderung zu diagnostizieren.
Hierfür muss der Behandler ein Gefühl
für das Gewebe entwickeln und lernen, mit den
Händen zu sehen.
Die Struktur eines Gelenks bestimmt also seine
Funktion. Die Funktion hingegen bestimmt
aber auch die Struktur. Die Funktionalität der
Körperstrukturen stimuliert den Fluss der Körperfl
üssigkeiten. Alle Zellen, die Organe, Nerven
und Gelenke können aber nur dann richtig
arbeiten, wenn sie mit Nährstoffen über das
Blut und den Liquorfl uss entsprechend versorgt
werden. Ist die Versorgung jedoch gehemmt, ist
das Organ in seiner Funktion eingeschränkt und
geschwächt. Somit bedingen sich Funktion und
Struktur gegenseitig.
Das bedeutet in der Praxis, dass gestörte Bereiche,
sei es im funktionellen oder strukturellen
Bereich, andere Areale beeinfl ussen und Störungen
hervorrufen. Eine Störung im Bereich
des Hufs – sei es durch eine Verletzung oder
falsches Bearbeiten – kann refl ektorisch Probleme
in der Halswirbelsäule verursachen. Diese
wiederum hat Auswirkungen auf die Hinterhandaktivität,
welche sich im Lendenbereich
manifestieren und letztendlich auch organische
Probleme nach sich ziehen kann.
Der Osteopath will diesen Störkreislauf unterbrechen
und regt somit die Selbstheilungskräfte
des Körpers an. Dabei nutzt der Behandler nur
seine Hände als Werkzeug. Damit überprüft der
zunächst die Bewegungsqualität des Gelenks,
Muskels oder auch eines Organs. Der Osteopath
testet dabei die Extension, Flexion, Rotation,
Laterofl exion und Translation auf den verschiedenen
räumlichen Ebenen.
Ein großes Repertoire an Techniken
Nachdem die Untersuchung abgeschlossen ist,
entscheidet der Osteopath sich für eine geeignete
Behandlungstechnik. Hier hat er – trotzdem
er nur mit seinen Händen arbeitet – einen
großen Fundus: Sein Repertoire umfasst neben
strukturellen Techniken auch Refl extechniken,
craniosakrale Techniken, Weichteiltechniken,
Gewebe- und Faszientechniken. Mit diesen
Techniken gibt der Behandler der jeweiligen
Struktur einen bestimmten Impuls, um die
Selbstheilungskräfte zu aktivieren. Den gestörten
Strukturen wird die Mobilität wieder zurückgegeben,
Dysfunktionen können behoben
werden und die Strukturen können sich den
normalen Funktionen wieder anpassen.
Nach einer osteopathischen Behandlung sieht
man nicht immer gleich ein Ergebnis. Der Körper
benötigt einige Zeit, um sich an das wiedererlangte
Gleichgewicht zu gewöhnen. Deshalb
sollte man dem Pferd nach der osteopathischen
Behandlung einige Tage Ruhe gönnen. Auf
keinen Fall sollte das Pferd an den darauffolgenden
zwei bis drei Tagen an Turnieren teilnehmen
oder ein hartes Training durchlaufen
müssen. Am besten, man gewährt dem Tier
eine dreitägige Reitpause. In dieser Zeit sollte
es aber nicht in der Box verbleiben, sondern
ausreichend Bewegungsmöglichkeit haben. Idealerweise
darf das Pferd einige Tage Weidegang
genießen, bevor das Training wieder langsam
aufgenommen wird.
Eine osteopathische Behandlung ist bei vielen
Gesundheitsstörungen angesagt, insbesondere
aber bei Lahmheiten, Reitproblemen,
Lumbalgien, brachiale Neuralgien, Ischialgien,
Rückenproblemen und viszerale funktionelle
Störungen. Eine osteopathische, aber auch
physiotherapeutische Behandlung ist auch zur
Prävention anzuraten. Die prophylaktische Betreuung
des Sport- und Freizeitpferdes kann
verhindern, dass sich irreversible Störungen
einstellen. Schon bevor sich ein Problem manifestiert
und das Pferd beispielsweise zu lahmen
beginnt, kann eine Behandlung die Fitness des
Pferdes erhalten oder wieder herstellen.
Quelle:
Renate Ettl
für westernreiter (EWU)
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