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Die Kolik ist das Gespenst unter den Pferdekrankheiten. In Geschichten
geistert sie durch jeden Pferdestall, wird in jedem Stübchen und
jeder FN-Prüfung ausgiebig besprochen. Doch wenn sie einmal ein
Pferd befällt, laufen die meisten Besitzer trotzdem Amok. Was Sie
als Pferdehalter tun können um dem Spuk ein Ende zu machen.
Noch heute bekommt die 28-jährige Lena
Wendler Bauchschmerzen, wenn sie an
die Szene denkt, die sich vor 16 Jahren in
einem kleinen Reitstall abspielte: Ihr Lieblings-
Schulpferd „Whisby“, eine freundliche fuchsfarbene
Warmblut-Stute, habe eine Kolik, teilte ihr
der Reitlehrer mit. Wenn sie helfen wolle, solle
sie das Pferd führen. „Und falls sie sich wälzt,
kann es passieren, dass sie Darmverschlingung
bekommt und stirbt“, sagte der Reitlehrer zur
12-Jährigen Lena. „Also verhindere mit allen
Mitteln, dass sie sich wälzt!“
So ließ man Lena mit dem kranken Pferd allein.
Nach drei Runden Schritt in der Halle wälzte
sich Whisky zum ersten mal. In Panik schlug
Lena mit einer Gerte auf das Pferd ein, heulte
und schrie. Als der Reitlehrer nach einer Viertelstunde
wiederkam, liefen Lena Tränen der Verzweiflung über die Wangen. Ein Tierarzt wurde
nicht bestellt. Am nächsten Morgen war Whisby
tot.
„Keiner hat gemerkt, was ich mir für Vorwürfe
gemacht habe“, sagt Lena heute. „Ich war mit
sicher: Whisby musste meinetwegen sterben,
weil ich sie habe wälzen lassen.“
So viel ist sicher: Die Chance, dass ein kolikendes
Pferd vom Wälzen eine Darmverschlingung
bekommt, sind ebenso hoch wie die, dass
sich dadurch eine bereits bestehende Verschlingung
löst. Dennoch sind sich Fachleute uneinig
darüber, wie man einen Kolik-Patienten bis zur
Ankunft des Tierarztes behandeln soll. Führen,
sagen sie einen, lenke das Pferd von seinen
Schmerzen ab. Falsch, sagen die anderen, Führen
ermüde den ohnehin beanspruchten Kreislauf
des Pferdes nur noch mehr.
Dr. Georg Oeppert, Fachtierarzt für Pferde aus
dem bayerischen Fleinhausen, rät jedem Pferdebesitzer,
von Fall zu Fall unterschiedlich vorzugehen.
Zunächst sollte beim Pferd der Puls
gemessen werden. Am besten ist er an der
Unterseite der Ganasche zu fühlen. Beim gesunden
Pferd sind Werte zwischen 28 und 40
Schlägen pro Minute normal. „Steigt der Puls
über 50, sollte man das Pferd nicht mehr führen“,
sagt Oeppert. „Als Mensch möchte man
ja auch nicht mit einem Kreislaufkollaps zum
Joggen geschickt werden.“ Damit erübrigt sich
auch die Praxis, das Kolikpferd im Galopp herumzuhetzen.
Zeigt ein Pferd Koliksymptome (siehe unten),
so sollte der Besitzer in jedem Fall den Tierarzt
verständigen. Dieser kann die Lage besser
einschätzen, wenn er alle Symptome genau
beschrieben bekommt und die sogenannten
PAT-Werte (Puls, Atmung, Temperatur) mitgeteilt
werden. Außerdem ist es für ihn wichtig zu
wissen, ob es in letzter Zeit eine Futterumstellung
gab, wie lange die letzte Fütterung zurück
liegt und welche Darmgeräusche vorhanden
sind. Diese sind auch ohne Stethoskop an beiden
Flanken zu hören. Sehr laute Geräusche
sind ebenso krankhaft wie abgehackte oder gar
keine.
Bis zum Eintreffen des Tierarztes muss der Besitzer
in erster Linie Ruhe bewahren. Dem ohnehin
nervösen Pferd hilft es nicht, wenn sich seit
„Leittier“ ruhelos und hektisch benimmt. Wichtig
ist auch der Selbstschutz aller Helfer. Nur ein
gesunder Helfer ist ein guter Helfer. Daher muss
das Pferd an einen Ort gebracht werden, wo es
sich nicht festliegen kann und bei etwaigem
Um-sich-schlagen niemanden verletzt.
Falls mit einem dramatischeren Verlauf der Kolik
gerechnet wird, muss sich jemand um ein
Transportfahrzeug mit Anhänger für die Fahrt
zur Klinik kümmern.
Erleichternd wirken sich Umschläge mit warmen
Decken aus, die dem Pferd um den Bauch
gebunden und am Rücken zusammengeknotet
werden. Im Hochsommer ist es unter Umständen
empfehlenswerter, die Beine des Tiers kalt
abzuspritzen. „Welche Vorgehensweise nun die
richtige ist, muss der Besitzer aus dem Bauch
heraus entscheiden“, so Dr. Georg Oeppert.
Im Normalfall sollte niemand eigenmächtig
Medikamente verabreichen. Verzögert sich
allerdings die Anfahrt des Tierarztes aus irgendeinem
Grund, so kennt Dr. Oeppert einige
unschädliche Mittel, die sich unter Umständen
positiv auswirken können. „Drei Fläschchen Underberg
wirken manchmal Wunder“, weiß der
Tierarzt. Er selbst wurde einmal außer Dienst
und ohne Medikamentenköfferchen zu einem
Kolikpatienten gerufen. Da es keine andere
Möglichkeit gab, fl ößte er dem Tier Schnaps und
kalten Kaffee ein. Kurze Zeit später ging es dem
Pferd wieder besser. Auch die häufi g eingesetzten
Colosan-Tropfen aus der Apotheke können
helfen, ersetzen aber niemals den Tierarzt.
Ist dieser erst einmal eingetroffen, so wird er
zunächst den Allgemeinzustand des Pferdes
prüfen, den Puls messen und die Bindehäute
auf blaue Verfärbungen kontrollieren.
Anschließend wird der Magen-Darm-Bereich per Stethoskop abgehört. In
den meisten Fällen spritzt der Arzt ein krampfl ösendes Medikament und
wartet ab, ob das Pferd darauf anspricht. Problematisch ist in manchen
Fällen eine rektale Untersuchung, da sich viele Pferde dagegen wehren.
Um das Pferd daran zu hindern, nach dem Tierarzt zu treten, kann ein
Helfer ein Bein hochheben. Dr. Oeppert empfi ehlt den Einsatz einer Nasenbremse.
Schützende Strohballen zwischen Hinterbein und Arzt lehnt er
ab, „da der Arm des Arztes irgendwann einfach zu kurz ist“.
Falls die Kolik aufgrund einer Magenüberladung entstanden ist, wird der
Arzt dem Pferd eine Nasenschlundsonde setzen. Hierbei wird ein Schlauch
durch die Nasenöffnung über den Rachen in den Magen geschoben. So
kann der Tierarzt feststellen ob der Mageninhalt normal oder patholigisch
verändert ist. In manchen Fällen fl ießt Darmsaft zurück in den Magen und
bringt diesen im Extremfall zum Zerreißen. Ein Pferdemagen fasst nur acht
bis zehn Liter. Über die Sonde kann sich der unter Druck stehende Magen
entleeren. Außerdem können über sie Medikamente eingeführt werden.
Die Art der Weiterbehandlung ergibt sich aus dem „Refl ux“, also der
Menge, die aus der Nasenschlundsonde herausspritzt; aus dem Befund
der rektalen Untersuchung und aus dem so genannten Hämatokrit-Wert.
Dieser Wert zeigt das Verhältnis der festen und fl üssigen Bestandteile des
Blutes an. Eine Studie an 452 Kolik-Patienten ergab, dass ein Hämatokrit-
Wert von über 54 % in rund 70 Prozent aller Fälle tödlich endete.
Stellt der Tierarzt einen Darmverschluss (siehe unten) fest, so bleiben
noch etwa sechs Stunden um einen operativen Eingriff vorzunehmen.
Dieser wird nicht vor Ort, sondern nur in Tierkliniken durchgeführt. Die
Kosten für eine solche OP werden oft unterschätzt. „Mit rund 5000 Euro
muss der Besitzer rechnen“, sagt Dr. Oeppert.
Um Psyche, Pferd und Portemonnaie zu schonen kann jeder Pferdehalter
gegen Koliken vorbeugen. Die Basis hierfür ist eine artgerechte Fütterung
mit einwandfreiem Futter in häufi gen, kleinen Portionen. Schimmeliges
Heu, Silage oder Getreide darf nicht mehr verfüttert werden. Auch
dann nicht, wenn die verschimmelten Stellen entfernt wurden. Das Pferd
braucht ausreichend Bewegung, wenig Stress und einwandfreies, sauberes
Wasser. Regelmäßige Parasitenkontrolle und systematische Entwurmungen
sind absolute Pfl icht. Dr. Oeppert rät von der Verwendung von
Fertigfutter ab, da diese oft Rübenschnitzel und Melasse als Bindemittel
enthalten. Ebenso wie Kleie verkleben diese den Darm. Solche Stellen
können hart wie Beton werden und müssen oft operativ entfernt werden.
„Klebstoffe“ verstecken sich sogar in trockenem Brot (Mehl), das häufi g
in rauen Mengen gefüttert wird.
Anschoppungen im Darm entstehen außerdem durch Sand. Deshalb dürfen
hungrige Pferde nicht auf extrem abgefressene Weiden getrieben
werden. Beim gierigen Fressen schlucken sie Gras mitsamt Wurzeln und
Erde. Auch der Urlaub mit Binnenpferden an der Nordsee endete für viele
Pferdehalter schon in der Tierklinik. Ihre salzhungrigen Pferde leckten am
Meer kiloweise Sand auf.
Anzeichen einer Kolik:
Suchender Blick des Pferdes in Richtung
Bauch oder Flanken
Bei stärkeren Schmerzen: Schlagen mit
dem Bein gegen den Bauch
Futterverweigerung
Fehlender oder verminderter Kotabsatz,
seltener Durchfall
Scharren, Hinlegen und Wälzen
Stöhnen
Schweißausbrüche
Zu schnelle Atmung (mehr als 16 Züge
pro Minute)
Flehmen als Ausdruck von Sauerstoffmangel
im Gehirn
Diese Koliken gibt es:
„Kolik“ ist lediglich ein Sammelbegriff für Bauchschmerzen
mit unterschiedlichsten Ursachen. Da die Ursachen so vielfältig
sind, bedarf jede Kolik der professionellen Hilfe durch
einen Tierarzt.
Die wichtigsten Koliken und ihre Auslöser sind:
Krampfkolik: Der häufi gste Krankheitstyp. Die Ursachen liegen
im Wetterumschwung, in Fütterungs- und Haltungsfehlern oder
Stress. Auch ausgelöst durch wandernde Wurmlarven. Diese
schädigen die kleinen Blutgefäße, die den Darm versorgen. Die
Peristaltik (rhythmische Kontraktionen) des Darms wird gestört.
Es bilden sich Gase, die Darmwand wird gedehnt. Dies erzeugt
Schmerz.
Aufgasungskolik: Ausgelöst durch große Mengen Obst und anderes
Futter, das im Magen oder Dickdarm gärt. Hierzu gehört
auch eiweißhaltiges Grünfutter zu Beginn der Weidezeit. Der
Darm wird durch die Gase geweitet und gebläht.
Magenüberladung: Die häufi gste Form ist die Magenüberfüllung
durch zu viel gierig aufgenommenes Futter, etwa weil das
Pferd nachts in die Futterkammer eingebrochen ist.
Eine andere
Möglichkeit ist, dass der Mageninhalt zu quellen beginnt, weil das
Pferd kurz nach der Futteraufnahme zu schwerer Arbeit herangezogen
wurde. Dies behindert seine Verdauungsarbeit.
Die dritte Form der Magenüberladung kommt zustande, wenn ein
Verschluss (z.B. Sand, getrocknete Kleie) im Dünndarm die Weiterführung
des Mageninhalts verhindert. Die Magenüberladung ist
lebensbedrohlich, da das Pferd sich nicht erbrechen kann. Eine Art
„Klappventil“ am Eingang des Magens lässt den Nahrungsbrei
nur in eine Richtung passieren – nach innen.
Darmverschluss: Er tritt in drei Hauptformen auf.
Erstens: Aufgrund einer Lähmung oder eines Krampfzustands
transportiert die Darmwand den Darminhalt nicht mehr weiter.
Zweitens: Verlagerung des Darms infolge von Verstopfung mit
Kotmassen, Wurmknäueln oder Fremdkörpern.
Drittens: Abschnürung des Darmes als Verdrehung, Darmeinschiebung,
Verknotung oder Abschnürung.
Darmentzündungen und Magengeschwüre:
Eher seltene Formen der Kolik, bedingt durch falsche
Fütterung und Stress.
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