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Das
moderne Pferd trägt Sattel und Reiter und wird auch von schlechten Reitern gern
zu Höchstleistungen angetrieben. Selbst im großen Sport befolgt nicht jeder die
Skala der Ausbildung. „Wird ein Pferd beispielsweise zu eng gemacht und hinter
die Senkrechte geritten, so kann es den Hals nicht tragen und verspannt refl ektorisch
die Rückenmuskulatur“, weiß Beatrix Schulte Wien, Leiterin des Deutschen Instituts
für Pferdeosteopathie (DIPO) in Dülmen. Freizeit- und Distanzpferde haben andere
Probleme: „Sie hängen meist auf der Vorhand und bekommen deshalb Probleme an den
Vorderbeinen.“ Oder wie im Fall des Friesen-Island-Wallachs Tequila ein Rückenproblem
weil sie beim Reiten ständig den Kopf nach oben reißen. Solche „Sternengucker“-Pferde
haben keinerlei Spannung zwischen Genick, Rücken und Schweifrübe. Das tragende
Nacken-Rückenband hängt durch wie eine ausgeleierte Wäscheleine (siehe Grafi k
unten). Dr. Anton Fürst von der Pferdeklinik der Universität Zürich bezeichnet
die erwünschte Spannung mit dem medizinischen Fachausdruck „Obere Verspannung“.
Fürst: „Diese obere Verspannung kann aktiviert werden, indem der Kopf und Hals
nach vorne und unten sowie die Hintergliedmassen möglichst weit nach vorne unter
das Gewicht des Körpers gebracht werden.“ Im Reiterlatein heißt das vorwärts-abwärts. „Durch
korrekte Anlehnung nimmt der Pferderücken eine fl itzebogenähnliche Form an. Dabei
dehnen sich die langen Rückenmuskeln und die Bauchmuskeln ziehen sich zusammen“,
sagt Beatrix Schulte Wien, die selbst aktive Dressurreiterin ist. In dieser Haltung
werden die Dornfortsätze der Wirbelsäule wie ein Fächer aufgewölbt. Kissing Spines
können so kaum entstehen. Ist das Pferd zudem losgelassen, so wird sein Rücken
nun weich schwingen, die Hinterhand tritt unter und die Bauchmuskulatur arbeitet
– das Pferd geht über den Rücken. „Nur so kommt der Reiter zum Sitzen und das
Pferd kann ihn ohne Schaden tragen“, erklärt Schulte Wien. Die
Physiotherapeutin und Osteopathin empfeihlt jedem zukünftigen Pferdebesitzer,
sein Pferd vor dem Kauf – oder vor dem Anreiten – von einem guten Osteopathen
durchchecken zu lassen. So bekommt man ein genaues Bild von den etwaigen vorhandenen
Blockierungen und Verspannungen und kann dagegen angehen ohne einen jahrelangen
reiterlichen Kampf gegen ein unwilliges, schmerzgeplagtes Pferd zu führen. 
„Wenn
dann auch noch der Sattel passt, die Hufe korrekt bearbeitet wurden, die Zähne
durchgecheckt sind, wenn mein Reitlehrer sein Handwerk versteht und ich die richtigen
Hilfen gebe, dürfte ich eigentlich keine Probleme mehr haben“, meint Schulte Wien.
Leider ist diese Liste bei den meisten Pferd-Reiterkombinationen mehr ein Soll-,
denn ein Ist-Wert. Insbesondere der Sattel sei ein Hauptfaktor für Rückenprobleme.
Neben unpassenden Sätteln hat Beatrix Schulte Wien schlechte Erfahrungen mit Westernsätteln
gemacht. Diese seien häufi g vorne an der Kammer extrem unfl exibel und setzen
den Reiter zu weit hinter den Schwerpunkt. Einige von ihr therapierte Quarter
Horses werden daher nun im Training mit einem Vielseitigkeitssattel geritten und
nur im Turnier mit Westernsattel. Doch
wie kann nun der Osteopath helfen wenn bereits Blockierungen und Verspannungen
vorliegen? „Der Osteotherapeut, wie wir diesen Beruf nennen, kann helfen, die
Bewegungsqualität des Pferdes wiederherzustellen, indem er alle klemmenden Strukturen
wie Muskeln, Gelenke, Sehnen, Bindegewebe oder Narben bearbeitet“, sagt Schulte
Wien. „Was er jedoch nicht kann, ist eine Knochenfraktur heilen oder ein ausgerenktes
Gelenk wieder einrenken. So etwas ist bestenfalls eine Aufgabe für den Chirurg
oder andernfalls für den Schlachter.“ Ein
guter Osteopath findet alle blockierten Stellen am Pferdekörper und bearbeitet
sie durch verschiedene Maßnahmen. Das sind einmal so genannte Manipulationen,
die das Gelenk wieder in die richtige Position bringen. Dabei versetzt der Osteopath
dem betroffenen Gelenk einen kurzen, gezielten Stoß („Thrust“) mit hoher Geschwindigkeit
und kurzer Amplitude. Während dieser Prozedur steht er nahe am Pferd und benötigt
keine Hilfsmittel. „Wenn ein Osteopath mit Gummihämmern auf das Pferd einschlägt
oder ihm ins Genick springt, sollten Sie die Finger von ihm lassen“, warnt Schulte
Wien. Eine weitere Maßnahme
ist die „Mobilisation“, eine weiche Technik, die auch über Muskelstimulation funktioniert.
Dabei werden durch den Einsatz von Fingern oder Holzstäbchen Eigenrefl exe ausgelöst,
die über Hautnerven aufs Rückenmark wirken und von dort umgeschaltet werden auf
die Muskulatur. Einige dieser Mobilisations- Techniken können ganz leicht auch
vom Pferdebesitzer selbst ausgeführt werden und sind eine wertvolle Vorbeugungsmaßnahme
gegen Rückenprobleme (siehe Kasten). Ähnlich für den Laien nachvollziehbar sind
Dehnungsübungen, die die Streck- und Beugemuskulatur der Beine lockern. „Deep
friction“ – tiefe Friktion – nennt sich eine weitere Maßnahme des Osteopathen.
Dabei massiert der Therapeut einen Muskel beziehungsweise seine Sehne sehr tief
bis auf die Knochenhaut. Daneben bildet das DIPO seine Osteotherapeuten auch in
der kraniosakralen Therapie aus, die auf der Bewegung der Hirnhäute, die das Rückenmark
umgeben, basiert. Das DIPO
bietet die Ausbildung zum Osteotherapeuten nur für Ärzte, Tierärzte und Physiotherapeuten
an. Wer nicht in diese Gruppe fällt, kann sich aber zumindest zum Pferdephysiotherapeuten
ausbilden lassen. Die Pferdephysiotherapie beeinhaltet keine Manipulation und
keine kraniosakrale Therapie, ähnelt aber ansonsten der Osteotherapeuten-Ausbildung.
Ein Kurs mit dem Lehrgangsziel „Pferdephysiotherapeut“ dauert 210 Stunden plus
Prüfung und fi ndet an acht Wochenenden (je 220 Euro) und einer Woche (700 Euro)
statt. Ausbildungsstätten gibt es in Dülmen, Neubulach und Berlin.
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